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Zum Denkmal Schwabachanlage 10, ehem. Heil- und Pflegeanstalt (Hupfla)

Denkmal Schwabachanlage 10 nicht zu retten
- ein Stück Erlanger Geschichte wird verschwinden

Nach der Ortsbegehung am 13.7.2010 mit dem Bauausschuss, Vertretern des UVPA und des Stadtplanungsamtes, sowie der Universitätskliniken wurde deutlich, dass auf Seiten des Bauherrn kein Interesse an einem (teilweisen) Erhalt und Weiternutzung des Kopfbaus der ehemaligen Hupfla besteht. Die Planungen sind außerdem schon zu weit fortgeschritten. Der Heimat- und Geschichtsverein nimmt dies mit Bedauern zur Kenntnis. Es bleibt weiterhin eine Aufgabe dieses Vereins, auf die lokale Geschichte und die Bedeutung Erlanger Baudenkmäler möglichst rechtzeitig aufmerksam zu machen.

Erlangen, 23. Juli 2010

Pia Tempel-Meinetsberger, 1. Vorsitzende
Dipl.-Ing., Architektin
im Namen des Vorstandes

Denkmal Schwabachanlage 10Zukunft braucht Vergangenheit - integrieren statt ignorieren

Der Heimat- und Geschichtsverein setzt sich dafür ein, dass das Denkmal Schwabachanlage 10 erhalten bleibt und diese Forderung bei der Aufstellung des neuen Bebauungsplanes berücksichtigt wird. Dabei sind 3 Themen von Wichtigkeit:

1. Die bewegende Geschichte der ehem. Heil- und Pflegeanstalt darf nicht mit dem letzten originalen Baudokument verschwinden. Es ist ein Stück bayerischer Medizingeschichte, getragen vom Bezirk Mittelfranken und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Es geht um die Entwicklung der Psychiatrie und den Umgang mit geistig Kranken von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis in den Nationalsozialismus mit den Euthanasiegesetzen. Insgesamt kamen über 1.500 Menschen dort um. Diese Geschichte, die erst in jüngerer Zeit aufgearbeitet wurde, darf nicht vergessen werden.

2. Der Grünraum Schwabachtal mit seinem historischen Baumbestand ist Landschaftsschutzgebiet und somit erhaltenswert. Er hat höhere Priorität als ein in den 80er Jahren geplanter, bis heute nicht realisierter Grünzug auf dem Gelände.

3. Ein Denkmal ist ein Gebäude von öffentlichem Interesse und ist daher zu erhalten. Es geht um das Denkmalschutzgesetz, das für alle Bürger in Bayern gilt. Die Schwabachanlage 10 wurde erst viele Jahre nach dem heute noch gültigen Bebauungsplan von 1969 unter Denkmalschutz gestellt. Aber auch bei dem Architektur-Wettbewerb von 2009 entschied man sich gegen den Denkmalschutz.

Der Freistaat Bayern ist Bauherr und Eigentümer dieses großen Areals, auf dem langfristig Medizin und Forschung in Erlangen weiter entwickelt werden. Die umfangreichen Investitionen in die Zukunft des Standortes Erlangen sollten aber auch die Historie des Ortes beachten, und Denkmal- und Naturschutz integrieren. Schließlich ist der Freistaat ein Vorbild für seine Bürger.

Die Stadt Erlangen, die nun nach 40 Jahren einen neuen, den heutigen Erfordernissen entsprechenden Bebauungsplan aufstellt, sollte versuchen, die verschiedenen öffentlichen Interessen auszugleichen und miteinander zu verbinden. Betroffen sind davon erst die Bauabschnitte 2 - 4 des geplanten TRC (Translational Research Center).

Das Baudenkmal Schwabachanlage 10 ist ein über 100 m langer, repräsentativ gegliederter Bau mit einer Fassade in Sandstein. Das dreigeschossige Gebäude ist nicht baufällig, sondern wurde immer wieder mit Steuergeldern renoviert, und wird bis heute von der Universität voll genutzt. Wer sich direkt vor Ort begibt, wird eine eindrucksvolle Atmosphäre aus gewachsener Natur und Architektur vorfinden.

Deshalb fordern der Heimat- und Geschichtsverein zusammen mit dem Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, der Bezirksheimatpflegerin, dem Stadtheimatpfleger, dem Ortskurator der Dt. Stiftung Denkmalschutz und dem Bund Naturschutz den ganzen oder teilweisen Erhalt dieses geschichtsträchtigen Ortes nach dem Motto: Zukunft braucht Vergangenheit - integrieren statt ignorieren.

Erlangen, 13. Juli 2010

Pia Tempel-Meinetsberger, 1. Vorsitzende
Dipl.-Ing., Architektin
im Namen des Vorstandes

Geschichte der Schwabachanlage 10

Da die Geschichte der ehem. Heil- und Pflegeanstalt den Erlangern fast nicht bekannt ist, stellen wir diese in einer Zusammenfassung vor, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Von der Größe des Areals der ehem. Heil- und Pflegeanstalt zeugen bis heute die Gebäude Maximiliansplatz 2, Schwabachanlage 10 und die Einfriedungsmauer aus Sandstein. Der Nordflügel der ehem. Kreisirrenanstalt ist gut erhalten und ist ein orginales Zeugnis seiner ursprünglichen Nutzung - die Grundrisse sind fast unverändert erhalten.

Die von 1834 - 1846 errichtete Kreisirrenanstalt war die erste bayerische Klinik für psychisch und geistig Kranke, errichtet von der Kreisregierung Mittelfranken. Angeregt wurde dies vom Erlanger Universitätsprofessor J. M. Leupoldt. Die damaligen Neubauten dokumentieren den veränderten Umgang mit geistig und psychisch Kranken seit dieser Zeit.

1834 entstand zuerst eine Kreuzflügelanlage nördlich des heutigen Maximiliansplatzes. Diese kreuzförmige Anlage repräsentierte das panoptische System, das damals als Konzept zum Bau von Anstalten und Gefängnissen umgesetzt wurde. Abgeleitet vom Begriff Panoptikum war dies eine alles beobachtbare und miteinander verbundene Anlage, die meist kreuz- oder strahlenförmig erstellt wurde. Der Begriff Korridorsystem wurde ebenfalls dafür verwendet. diese Anlagen wurden aber bereits 1868 von einem neuen System der Pavillonbauten abgelöst, die u. a. von dem Pathologen Virchow aus Berlin nach neuen hygienischen Vorstellungen formuliert wurden. Die Schwabachanlage 10, die von 1874 - 79 errichtet wurde, entsprach diesem neuen System. Sie gehört damit zu den ältesten Pavillonbauten im Krankenhausbau Bayerns.

Um 1870 lebten ca. 250 Personen in dieser Kreisirrenanstalt. Es handelte sich um Unruhige, Epileptische und Gebrechliche. Da der Krankenstand stetig wuchs, wurde die Heilanstalt ständig erweitert und es kam eine eigene Pflegeanstalt dazu. Ab 1890 wurden eine Küche, eine Dampfwaschanstalt, Werkstätten und Gartenanlagen errichtet. Die max. Kapazität stieg auf 750 Pfleglinge an. Von 1834 bis ca. 1900 wurden insgesamt 3,9 Mio Mark investiert. Als ab 1900 der Kranken- und Pflegestand weiter stieg, wurde eine zweite Kreisirrenanstalt nötig, die in Ansbach errichtet wurde. Der Platzbedarf eines Kranken wurde von 20 cbm auf 13 cbm reduziert, die Korridore wurden teils als Schlafräume genutzt.

1903 zog die Nervenklinik und Psychiatrie der Universität Erlangen in den Nordflügel ein. In den 20er Jahren wurde das Prinzip der offenen Fürsorge durch Direktor G. Kolb eingeführt, das weltweites Aufsehen erregte. Bei diesem System wurde eine frühzeitige Entlassung der Kranken und Behinderten angestrebt, die dann im Familiensystem weiter betreut wurden. In der Weimarer Republik verschlechterten sich die Lebensverhältnisse in der Anstalt immer mehr auf Grund der Sparpolitik und sinkender Pflegesätze. Auf der anderen Seite stieg die Anzahl der Kranken immer weiter an. Die Bettenzahl stieg auf ca. 900 Betten im Jahre 1932 und erreichte den Höchststand 1936 mit über 1.000 Betten.

Im Nationalsozialismus fand eine Entwicklung statt, die nicht als außergewöhnlich eingestuft werden kann. Zuständig waren in Erlangen ab 1938 der neue Direktor D. W. Einsle mit seinem Stellvertreter D. H. Müller. Ab 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Damit wurde die Zwangssterilisation eingeführt und es gab nun Erbgesundheitsgerichte zur Einstufung. In Erlangen wurden 1934 ca. 100 Sterilisationen durchgeführt. Des weiteren wurden die Pflegesätze von 4 RM auf 2,70 RM (Reichsmark) reduziert. Dazu wurde die Kost reduziert. Ab 1938 führte dies zu einer steigenden Zahl von Toten. Zudem wurde die Therapie verändert. Die Zwangssterilisation wurde vorrangig, die offene Fürsorge eingeschränkt und die Ärzte reduziert. Man wollte Platz für ein Reservelazarett schaffen. Somit verschlechterte sich die therapeutische Situation. Die jüdischen Patienten (21 Personen) wurden verlegt.

Schließlich begann die T4-Aktion, die bis August 1941 dauerte. Es fanden insgesamt 7 Transporte von 908 Patienten zu verschiedenen Tötungsanstalten statt (in Pirna und in Linz). Es handelte sich um 561 Frauen und 347 Männer. Sie hatten Schizophrenie, Schwachsinn und Epilepsie.

Durch diese sog. Neuorganisation wurden Betten frei und es konnten nun kranke aus privaten Pflegeanstalten nach Erlangen verlegt werden. Es fand eine personelle Erfassung aller Geisteskranken, Geistesschwachen, Blöden und Epileptiker statt. Für diese Insassen gab es die Hungerkost. Während in der Anstalt 1939 ca. 130 Personen verstorben sind, waren es von 1942 - 45 insgesamt ca. 1.500 Menschen.

1945 fand dieses System ein Ende. Dr. Einsle wurde entlassen, Dr. Müller beging Selbstmord. Der neue Direktor Dr. Leibbrand verfasste ein Buch mit dem Titel: Um die Menschenrechte der Geisteskranken. Die Verfahren wegen Mordes durch Hungerkost wurden eingestellt.

1977 wurde die ehem. Heil- und Pflegeanstalt ersetzt durch das neue Bezirkskrankenhaus am Europakanal. 1996 wurde ein Gedenkstein enthüllt, der an ermordete Patienten der Heil- und Pflegeanstalt erinnert.

Quellen

  1. Denkschrift zur Errichtung der Kreisirrenanstalt Ansbach / 1904, Regierung v. Mittelfranken.
  2. Psychiatrie im Nationalsozialismus - die bayer. Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945 / 1999, Hrsg. M. von Cranach, H.-L. Siemen.
  3. Stadtlexikon Erlangen, S. 438, sowie Strukturplan für die Nördl. Innenstadt / 1974, Stadt Erlangen.

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